Warum ich als Handwerksbetrieb plötzlich Kunden an andere Firmen empfehle
Seit fünfzehn Jahren führe ich in Hürth eine kleine Schreinerei. Als ich anfing, hatte ich ein klares Bild davon, wie ein solcher Betrieb zu funktionieren hat: Man nimmt jeden Auftrag an, den man kriegen kann. Man konkurriert mit jedem, der im Umkreis eine Werkstatt betreibt. Und man redet über andere Handwerker höchstens dann, wenn man sich über sie ärgert. Diese Einstellung habe ich lange verteidigt – bis mich ein einziges Projekt dazu zwang, meine Meinung grundlegend zu ändern. Heute schicke ich Kunden aktiv zu Kollegen, selbst wenn ich den Auftrag rein technisch übernehmen könnte. Klingt verrückt, ich weiß. Aber es hat mir mehr eingebracht, als ich je für möglich gehalten hätte.
Der Wendepunkt kam vor zwei Jahren, als ein Stammkunde mich bat, seine alte Werkstatt in Berrenrath zu entkernen und gleichzeitig neue Fensterbänke aus Naturstein zu montieren. Das Entkernen war mein Metier, aber mit Stein hatte ich kaum Erfahrung. Meine erste Idee war, die Arbeit einfach abzulehnen. Dann dachte ich an eine Begegnung auf einer Messe, bei der ich mit einem älteren Kollegen ins Gespräch gekommen war, der mir von seiner Zusammenarbeit mit der Firma Berli in Hürth erzählt hatte. Er schwärmte davon, wie gut die Abstimmung zwischen ihm und deren Team geklappt hatte. Ich notierte mir die Adresse, schob das Ganze aber erst einmal beiseite. In meinem Kopf war Platz für solche Kooperationen nicht vorgesehen. Erst als mich der Kunde nach drei Wochen ungeduldig anrief, nahm ich mir ein Herz und telefonierte mit dem Betrieb. Genau das sollte alles verändern.
Der Moment, in dem ich meine Unsicherheit zugab
Das Telefonat war kurz, aber unangenehm. Ich musste zugeben, dass ich ohne fremde Hilfe ein schlechtes Ergebnis riskieren würde. Der Mann am anderen Ende reagierte gelassen – viel gelassener, als ich es getan hätte. Er sah darin offenbar kein Eingeständnis von Schwäche, sondern eine ganz normale Frage der Kalkulation. Wir verabredeten einen Ortstermin zu dritt. Vor Ort stellte ich fest, wie viel Meinungsverschiedenheit in den Details steckte: Der Bauherr wollte die alten Holzbalken erhalten, der Kollege wollte eine neue Unterkonstruktion, und ich wollte unbedingt verhindern, dass die schönen Ziegelmauern beschädigt wurden. Am Ende einigten wir uns auf eine Lösung, die keinem von uns allein eingefallen wäre. Ich hätte damals nicht sagen können, warum es funktionierte. Rückblickend war es schlicht die Mischung aus unterschiedlichen Perspektiven und dem gemeinsamen Interesse, das Projekt sauber abzuliefern.
Seit diesem Tag habe ich mich oft gefragt, warum ich so lange so viel Energie darauf verwendet habe, andere kleine Betriebe als Bedrohung zu sehen. Die Antwort ist unangenehm: Es ist die Angst vor dem eigenen Limit. Mir wurde beigebracht, dass ein guter Handwerker alles kann und dass man unsicher wirkt, wenn man um Hilfe bittet. Die Zusammenarbeit mit der Werkstatt in Hürth hat mir gezeigt, wie wenig daran stimmt. Kunden merken sehr genau, ob jemand etwas verspricht, das er nicht halten kann, oder ob jemand ehrlich sagt: Das mache ich gut, jenes aber besser von einem anderen. Ehrlichkeit wirkt souverän. Und die Kunden bleiben, weil sie sich nicht alleingelassen fühlen.
Was ich heute anders mache
Aus dem einen Projekt sind inzwischen mehrere gemeinsame Aufträge geworden. Immer wieder bekomme ich Anrufe von Leuten, die mich über Empfehlungen gefunden haben, und ich frage mich mittlerweile regelmäßig, ob ich wirklich die richtige Ansprechperson für ihr Anliegen bin. Das ist kein Selbstzweifel im negativen Sinn, sondern eine Planungsfrage. Ich prüfe meine eigenen Kapazitäten, bevor ich zusage, und ich nehme mir die Freiheit, bei Bedarf an einen Kollegen zu verweisen. Meine Kunden reagieren überraschend positiv darauf. Sie sagen oft, es sei erfrischend, einen Handwerker zu erleben, der nicht alles auf seine Karte setzt.
Inzwischen habe ich einige Regeln entwickelt, die ich für mich aufgeschrieben habe – nicht als Geschäftsstrategie, sondern als Gedächtnisstütze für Tage, an denen ich wieder zu altem Verhalten neige:


